Sommerzeit, Winterzeit? Sonnenzeit!

24. Oktober 2026


Heute ist es wieder so weit: wir dürfen eine Stunde länger schlafen und am Sonntag ist es dann abends bereits kurz nach fünf dunkel. Wie in jedem Halbjahr frage ich mich erneut, wie sinnvoll diese Zeitumstellungen sind, zumal es eher mehr (und m.E. gewichtigere!) Gründe dagegen gibt:

Pro-Argumente (Vorteile der Sommerzeit)

  • Mehr Tageslicht am Abend: Es bleibt im Sommer eine Stunde länger hell, was Aktivitäten nach Feierabend im Freien (Sport, Gastronomie, Tourismus) fördert.
  • Wirtschaftliche Impulse: Handel, Freizeit- und Tourismusbranche profitieren von längeren hellen Abenden, an denen oft mehr konsumiert wird.
  • GefĂĽhlte Lebensqualität: Viele Menschen empfinden das erweiterte Tageslicht nach der Arbeit als motivierend und stimmungsaufhellend.
  • Verkehrssicherheit: Der Feierabendverkehr fällt bei Sommerzeit stärker in die helle Phase, was die Unfallgefahr in den Abendstunden senken kann.

Contra-Argumente (Nachteile der Sommerzeit)

  • Gesundheitliche Belastung ("Jetlag"): Die Umstellung bringt fĂĽr viele Menschen Schlafstörungen, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme mit sich. Studien zeigen zudem ein kurzfristig erhöhtes Risiko fĂĽr Herzinfarkte direkt nach der Umstellung im FrĂĽhjahr.
  • Kaum Energieeinsparung: Der ursprĂĽngliche Zweck – Energie durch weniger kĂĽnstliches Licht zu sparen – hat sich kaum bestätigt, da morgens oft mehr Heizenergie benötigt wird.
  • UnnatĂĽrlicher Rhythmus (Chronobiologie): Schlaf- und Chronobiologie-Fachgesellschaften (wie die Deutsche Gesellschaft fĂĽr Schlafmedizin) warnen vor dauerhafter Sommerzeit, da das fehlende Morgenlicht den natĂĽrlichen Biorhythmus stört.
  • Längere Dunkelheit am Morgen: Bei einer dauerhaften Sommerzeit wĂĽrde es im Winter morgens sehr lange dunkel bleiben, was vor allem fĂĽr den Schulweg von Kindern und Menschen mit Winterdepressionen problematisch ist.
  • Politischer Stillstand in der EU: Obwohl eine groĂźe Mehrheit der EU-BĂĽrger in einer Umfrage die Zeitumstellung ablehnte, blockiert die Uneinigkeit der Mitgliedstaaten ĂĽber die Wahl der dauerhaften Zeitzone eine endgĂĽltige Abschaffung.

Auch ich habe vor Jahren – wie 70 % der Menschen in Deutschland und 89 % in der EU – gegen die WeiterfĂĽhrung der Zeitumstellungen gestimmt und dabei die Normalzeit (aka Winterzeit) präferiert. Leider blieb das ohne Effekt, noch immer mĂĽssen wir zweimal im Jahr die biologische Uhr vergewaltigen.

Zwei Wecker, Umstellung zur Winterzeit Bild von anncapictures auf Pixabay

Bereits die Debatte über eine „dauerhafte Sommer- oder Winterzeit“ beruht auf einem Trugschluss: Beide Begriffe existieren überhaupt erst wegen der künstlichen Zeitumstellung. Was wirklich zählt, ist die Sonnenzeit (Solarzeit). Auf ihr basiert die menschliche Zeitmessung seit fünf Jahrtausenden. Dieses System funktionierte – mit wenigen, meist kriegsbedingten Ausnahmen – reibungslos bis 1973. In diesem Jahr führte Frankreich wegen der Ölkrise die Sommerzeit ein, um Energie zu sparen. Deutschland schloss sich 1980 an, um den internationalen Verkehr zu vereinfachen und die Zeitregelung in der EU zu vereinheitlichen.

Das Argument der Energieeinsparung greift inzwischen nur noch wenig und die subjektiven Faktoren scheinen mir die wirklich tragende Rolle in der Diskussion zu spielen. Der moderne Mensch neigt nach meiner Empfindung zunehmend zu einer Pipi-Langstrumpf-Haltung: „ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Das beobachte ich in unterschiedlichsten Themenbereichen und in den allermeisten Fällen sehe ich das überwiegend kritisch (dabei will ich hier gar nicht die offenbar immer stechende Trumpfkarte Umweltschutz ziehen)! Etwas mehr Demut gegenüber der Welt, in der wir leben, stünde uns gut zu Gesicht. Womit ich zurück zum Thema komme: da die Sonne die Lebensgrundlage der Menschheit bildet (ohne sie gäbe es die Erde nicht in dieser Form!), sollte sich Mensch dem auch unterordnen.

Dass trotz der Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen gegen eine Zeitumstellung gestimmt hat, ein Ende dieses Unsinns nicht in Sicht ist, zeigt viel über die gesetzgebenden Organe und ihr Interesse an „den Menschen“ und die Auffasung ihrer Aufgabe (eigentlich ja: Dienstleister des Souveräns).

Gestern hörte ich in einem Gespräch über das Thema eine interessante Idee: die Zeit sollte einmalig, einheitlich und endgültig um eine halbe Stunde korriegiert werden. Dann müssten beide Lager einen Kompromiss eingehen, die vermeintlich positiven und die negativen Auswirkungen wären etwas abgeschwächt, aber die leidige und offenbar ja nicht zielführende Debatte hätte endlich ein Ende!

Warum ist im Europa-Parlament noch niemand darauf gekommen?


Weiterlesen:


zur Übersicht der Beiträge

Sie wollen mir etwas zu diesem Thema mitteilen? Dann schreiben Sie bitte eine Nachricht zu diesem Beitrag.

Neueste (bzw. zuletzt aktualisierte) 5 Beiträge:
Balkonkraftwerk (12. Juni 2025, akt. 04. November 2026)  •  Revisionssichere Archivierung (16. Juni 2025, akt. 2. November 2026)  •  KI in der Praxis (5. Mai 2026, akt. 30. Oktober 2026)  •  Elektromobilität / Lithiumabbau (21. Juni 2025, akt. 6. Oktober 2026)  •  Wechsel zur Telekom (23. August 2026)

17 ältere Beiträge …